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St.Martin und der Petersberg

1700 Jahre St. Martin, seine und unsere Zeit
910 Jahre Basilika
110 Jahre Wandgemälde in den Seiten-Apsiden

Sonntag, 23.07.2017, 17.00 Uhr, musikalische Gestaltung: Roland Prantl

Musik (Roland)

Begrüßung: (Werner)

Hinführung:
- St. Martin lebte vor 1700 Jahren, zu seinen Lebzeiten gab es bedeutende Umbrüche in der christlichen Kirche. Martins religiöse Bedeutung zeigt sich auch in vielen Legenden, die sich auf ihn beziehen.
- Die linke Seitenapsis in der Basilika (910 Jahre)beschreibt sein Leben in (neu-)romanischen Al Secco-Bildern (110 Jahre).

- Pfarrer Martin Seidenschwang war geistlicher Leiter auf dem Petersberg, er ist vor 29 Jahren gestorben. Drei Aspekte, die wir in dieser Andacht verbinden wollen. Texte und Musik sollen uns in der Beschäftigung mit diesen Themen leiten.

Musik, Lied: Loblied GL 386
Laudate omnes gentes laudate dominum

Liturgische Begrüßung (Josef)

Lebenslauf: auf der Umschlagsseite
Gedenken an Martin Seidenschwang                                                                                                        von „Wohin gehst du?“
 

Martin Seidenschwang war Seelsorger, kein Schriftsteller. Nach seinem Tod haben Freunde und seine Familie seine Texte gesammelt, ausgewählt und damit ein Buch gestaltet mit dem Titel "Wohin gehst du? - Meditationen und Betrachtungen".

Diese Texte sind aus der pastoralen Praxis und für diese ent-standen. Dabei sollten sie Menschen in bestimmten individuellen Situationen anregen und begleiten.
Viele sind Martin Seidenschwang dankbar dafür wie er seine Aufgabe wahrnahm, wie er den Menschen begegnete, wie er sie zum Nachdenken und Nachspüren motivierte, wie er seinen Glauben lebte und weitergab.

Gedanken zu Martin Seidenschwang 29 Jahre des dankbaren Erinnerns

Immer wieder taucht sein Name auf: bei Menschen aus dem Landkreis, bei Kurs- und Landkreistreffen. Martin war bei VIELEN und immer ganz da …
Er machte seinem Namenspatron eine große Ehre …
Mit seiner Geschichte, dem Blick auf dieses heilige Haus und mit der Geschichte des Heiligen Martin, dem er in seinem Leben auf seine Weise gefolgt ist, und seinen Texten halten wir inne, DANKBAR SEINER GEDENKEND.

Martin Seidenschwang war Seelsorger, kein Schriftsteller. Nach seinem Tod haben Freunde und seine Familie seine Texte gesammelt, ausgewählt und damit ein Buch gestaltet mit dem Titel "Wohin gehst du? - Meditationen und Betrachtungen". Diese Texte sind aus der pastoralen Praxis und für diese entstanden. Dabei sollten sie Menschen in bestimmten individuellen Situationen anregen und begleiten.

Viele sind Martin Seidenschwang dankbar dafür wie er seine Aufgabe wahrnahm, wie er den Menschen begegnete, wie er sie zum Nachdenken und Nachspüren motivierte, wie er seinen Glauben lebte und weitergab.

 

Eine Betrachtung von Martin Seidenschwang:
Manchmal ist es besser, nicht zu wisssen, was auf einen zukommt. (danach jeweils Musik-Variationen)
Manchmal ist es besser, nicht ängstlich nachzudenken, über das, was sein könnte.
Manchmal ist es besser, einfach aufzubrechen, sich aufzuraffen, Schritt für Schritt zu setzen, in die Zukunft
Manchmal muss man sein ganzes Vertrauen, ja seinen ganzen Mut zusammennehmen, um leben zu können.

Betrachtung
des Wandgemäldes
in der linken Seitenapsis
der Basilika

Die Herausgabe des Buches mit Texten von Martin Seidenschwang war wohl ein Akt des Dankes an einen besonderen Menschen.

Vielleicht war der Aspekt der Dankbarkeit auch im Spiel als von 110 Jahren das Wandgemälde in der linken Seitenapsis der Basilika geschaffen wurde.

Teilnehmer gehen zur Seitenapsis. Was sieht man in dem Bild?
insbesondere Kinder beschreiben,
was sie sehen.

 

Das Leben des hl. Martin (Monika Mehringer)
- Das Leben des Hl. Martin in Daten
- politisches und religiöses Geschehen während seiner Lebenszeit

Der heilige Martin 316 ist im heutigen Ungarn geboren und 397 in Candes gestorben. Die 1700 Jahre seit Martins Geburt sind eine gewaltige Zeitspanne. Trotz der langen Zeit weiß man von ihm sehr viel, weil ein gewisser Sulpicius Severus schon zu Lebzeiten von Martin eine Biografie von ihm verfasst hat. Freilich ist sie als Heiligenbeschreibung zu verstehen und man kann davon ausgehen, dass sie "geschönt" ist, weil Sulpicius der Heiligsprechung dienen wollte.

Deshalb lohnt sich zunächst der Blick auf die politische und kirchliche Gegebenheit im 4. Jhdt. n.Chr.
Einige Eckdaten: Es war römisches Reich. Das Jahr 313 legt man als konstantinische Wende fest. Seitdem gehört das Christentum zu den anerkannten Religionen im römischen Reich und die Christen werden nicht mehr verfolgt. 391 wird das Christentum Staatsreligion und die römischen Bürger werden alle Christen. So schnell kann sich alles wenden!

Residenzstadt der römischen Kaiser war in diesem Jahrhundert Trier. Dort hielt sich der Kaiser des weströmischen Reiches auf bis 407, also noch bis kurz nach Martins Tod. Die Kirche war sozusagen im "sich konstituieren" und während des 4. Jahrh. wurde erbittert der Kampf zwischen den Arianern und den Trinitariern ausgetragen.
325 hat man auf dem Konzil von Nizäa unser heutiges Glaubensbekenntnis festgelegt, das der Trinitarier. Die Arianer waren sehr stark, aber untereinander zerstritten und glaubten in verschiedener Weise, dass Jesus nur Mensch war und nicht auch Gott. In unserem Glaubensbekenntnis "gewinnen" die, die sagen: Jesus Christus ist zugleich Mensch und Gott.
Auch andere christliche Glaubensrichtungen entstehen und werden bekämpft. Die Kirche ist sozusagen in einem Selbstfindungsprozess. In diese Zeit gehören Ambrosius, Bischof von Mailand, der Augustinus ein Zuhause gegeben hat und der in Italien gegen die Arianer predigt. Und - vielleicht ist es interessant, auch Nikolaus. Der wurde zwar früher geboren, lebte aber noch ein paar Jahre gleichzeitig mit Martin, wenngleich weit voneinander entfernt (Nikolaus nahm am Konzil von Nizäa teil).

In diese bewegte Zeit hinein wird Martin geboren. Jenseits der Interpretationen des Sulpicius stellt sich Martins Leben so dar: Sein Vater ist Offizier der römischen Armee und zu Martins Geburtszeit in Sabaria stationiert. Der Name Martin - abgeleitet von römischen Kriegsgott Mars zeigt wohl eindeutig, was Wunsch des Vaters war. Dieses Kind wird Kämpfer - es wurde dann Kämpfer für Christus. Die Familie lebte wohl mit römisch-heidnischer Religion. 4 Jahre später zieht die Familie nach Pavia, Italien. Dort tritt Martin mit 15 Jahren in die Armee ein. Söhne von Offizieren waren verpflichtet, ebenfalls Soldaten zu werden. Er war wohl tüchtig, denn er wurde bald zu berittenen Truppen berufen und später wurde er Offizier.

Mit dieser Reitertruppe kommt Martin nach Gallien und in Amien ereignet sich die Legende vom Teilen des Mantels. Martin ist ungefähr 18 Jahre alt. Er lebt schon nach den Worten der Heiligen Schrift, ist aber noch nicht getauft. Umso interessanter wird der Traum, in dem ihm Jesus erscheint, als der, dem er in Wirklichkeit seine Mantelhälfte geschenkt hat (wahrscheinlich war es alles von dem Mantel, was ihm gehört hat, die 2. Hälfte war Eigentum des römischen Staates). Martin fiel damals auf, weil er seinen Diener (Adjutanten) bedient hat und mit ihm gemeinsam aß. Schon in diesen jungen Jahren versuchte er sein Leben nach dem Evangelium zu gestalten. Von Hilarius (315-367), Bischof von Poitiers und Kirchenlehrer, wird er auf die Taufe vorbereitet und lässt sich von ihm 351 taufen.
Im Jahr 356 ist Martin 40 Jahre alt und damit im Alter, in dem römische Soldaten aus dem Dienst entlassen werden. Die Alemannen bedrohen das römische Reich und die Truppen werden bei Worms zusammengezogen. Dort überreicht der Kaiser vorab jedem Soldaten den Sold (donativum). Martin steht dem Kaiser gegenüber und verzichtet auf den Sold. Er bekennt gegenüber dem kirchenkritischen Kaiser (Julianus Apostata - der Abtrünnige) seinen Glauben und verweigert den Kampf. Er legt dem Kaiser seine Rüstung zu Füßen. Daraufhin bezeichnet ihn der Kaiser als Feigling und Martin antwortet, dass er mit Christus als Rüstung in die Schlacht ziehen werde. Gott sei Dank haben die Alemannen vor dem Kampf kapituliert.

Jetzt geht Martin zu seinen Eltern nach Italien, um sie zu bekehren. Dies führt wohl zum Bruch mit dem Vater, doch die Mutter lässt sich taufen. In Italien sind die Arianer stark und Martin hat dort als Trinitarier keine Chance. So zieht er sich zurück auf eine Insel bei Genua und lebt dort als Einsiedler. 361 zieht er zurück nach Gallien, wo Hilarius wieder Bischof in Poitiers ist, um dort zunächst weiter als Einsiedler zu leben. Es schlossen sich ihm allerdings wohl schnell viele Männer an, die mit ihm leben wollten. Daraus erwuchs das Kloster Liguge, das bis heute erhalten ist. Er pflegte eine sehr einfache Lebensweise und die Regel sah vor, dass kein Bruder zum Geldverdienen arbeitete. Es mutet an wie die Vorgaben des ja viel später lebenden Hl.Franziskus, wenn man die Grundsätze seiner Regel vernimmt. Es ist die erste klösterliche Gemeinschaft und seine Regeln werden dann gut 100 Jahre später vom Hl.Benedikt überarbeitet. Bei den Benediktinern jedenfalls ist der Hl. Martin bis heute hoch verehrt.

Aus dieser Zeit sind viele Berichte über Wunder und Heilungen erhalten und man kann daraus sehen, dass er viel unterwegs war und weithin bekannt wurde. So bekannt, dass die Bevölkerung von Tours ihn zu ihrem Bischof haben wollte. 371 wird er Bischof von Tours. Bekannt ist die Legende mit den Gänsen, die Martin an die Leute verraten haben. Dahinter steht ein sehr interessanter Konflikt in dieser Epochenwende:
371 war das Christentum so im römischen Reich angekommen, dass die Senatorensöhne, Adeligensöhne die kirchlichen Ämter besetzen wollten. Bis dahin haben die Christen ihre Bischöfe aus ihrer Mitte gewählt. Das Volk setzt sich hier, o Wunder, noch einmal durch! Martin wird Bischof von Tours. Allerdings führte er sein einfaches Leben fort und gründet ein neues Einsiedlerkloster in der Nähe von Tours in Marmoutier, wo er auch wohnt und sich gern dahin zurückzieht. Immer noch zieht er viel umher. Er wirkt viele Wunder. Er missioniert die keltischen Stämme. Er lässt heilige Bäume fällen und deutet die Feste der Kelten christlich neu. Man weiß, dass er in Paris und in Vienne war.
Er setzte sich in Trier mit dem nächsten Kaiser auseinander, der Christen hinrichten wollte, die zwar auch in Martins Auffassung Häresien verkündeten, aber trotzdem nicht durch ein römisches staatliches Gericht verurteilt werden sollten. Auf einer Seelsorgereise in Candes, das heute Candes St. Martin heißt, starb Martin am 8.11.397. Er wurde überführt und am 11.11. In Tours beerdigt. Dort wurde er am Tag seines Begräbnisses weiter verehrt.

Interassant ist aber, dass Chlodwig, Frankenkönig, der nach den Römern die Herrschaft in Franken übernahm, die Verehrung Martins weiterführte. Die Reliquie des Martin verwendete er sozusagen als Glücksbringer. Die Cappa, den Mantel des Heiligen Martin, nahm er auf Eroberungen und in Kämpfe mit und siegte so im Namen des Heiligen Martin - (ob dem das so recht gewesen wäre lässt sich wohl hinterfragen… jedenfalls wurde Martin dadurch noch bekannter. Wir verwenden heute noch Begriffe, die auf diese Cappa zurückgehen: Es gab die Kapellani, die den Mantel beaufsichtigten und bewahrten - Kapläne! Die Orte, an denen der Mantel aufbewahrt wurde und Gottesdienst gefeiert wurde, wurden Kapellen genannt.

Bischof Martin wurde als einer der ersten nicht wegen seines Märtyrertodes heiliggesprochen, sondern wegen seines Lebenswandels. Seine Ausstrahlung und sein beeindruckendes und überzeugendes Wirken führten zu seiner Verehrung. Dies zeigt auch die Legendenbildung. Sein Biograf überliefert schon eine ganze Reihe von Legenden: z.B.
- vom Baum, der beim Fällen in die andere Richtung fiel und damit Martin nicht erschlug,
- die Rettung vor den Räubern im Aostatal, die sich danach zu Christus bekehren ließen und nicht zuletzt
- die Legende von der Mantelteilung.
- Die Legende der Gänse bei der Bischofswahl entstand erst im Mittelalter.

Der heilige Martin kann als europäischer Heiliger bezeichnet werden. Die Werte und Überzeugungen für die er steht, sind heute noch wegweisend für unsere Kultur und unsere moralischen Ansprüche.
Deshalb möchte ich nachher der Bibelstelle noch ein wenig Zeit widmen, die das Ende der Legende vom Mantelteilen bildet:
"Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt
ihr mir getan."
Nach der Musik werde ich eine Legende erzählen.
Text der Legende ...

Musik

  Roland Prantl

- kunsthistorische Infos zu den Wandgemälden (Josef)
- eine Legende zum Hl. Martin (Monika Mehringer)

 

Martinsbilder in der linken Apsis

In der Kalotte wird über einem perspektivischen Ornamentenband der hl. Martin als Bischof gezeigt. 

Auf der rechten Seite wird die Berufung des Heiligen zum Bischof gezeigt. Martin sitzt bereits auf dem Bischofsthron und segnet die Gläubigen, während zwei Mönche Mitra und Bischofsstab halten.
Auf den Knien des Heiligen liegt das den mittelalterlichen Vorschriften für den geistlichen Stand widersprechende Schwert.

Das Gemälde links von dem kleinen Fenster stellt die berühmteste Legende um St. Martin, die Mantelspende dar. Allerdings nicht zu Pferd, sondern zu Fuß, auf gleicher Ebene, auf Augenhöhe mit dem Bettler.
Rechts der Bettler mit Krücke und einem Raben auf der Schulter.

An der Stirnwand der linken Apsis ist der Text "SACERDOS DEI APERTI SUND TIBI COELI" zu lesen. Darüber ein Kreis mit einem Vogel (Gans) und stilisierten Bäumen sowie dem weiteren Text: "MARTINUS VENUS PASTOR EGREGIUS".
Die Gans ist heute zwar ein bekanntes Attribut von St.Martin; doch in der Romanik war es noch unbekannt (erst seit 15.Jh).

Musik

Betrachtung (im Wechsel/Werner/Monika Mehringer)

Gott kommt in Engeln zu uns,
in Menschen, die uns nahe sind;
in Menschen des Trostes, der Ermutigung,
in Bruder, Nachbar, Freund und Kind.

Gott kommt in Engeln zu uns,
in Menschen, die sich einbringen;
ihr Dasein bringt Wärme, Liebe und Glück,
Gottes Zuwendung in allen Dingen.

Gott kommt in Engeln zu uns,
in Menschen, die uns begegnen,
seine Boten kommen im Alltagsgewand,
ganz leise - um so mehr uns zum Segen.

Gott kommt in Engeln zu uns,
in Menschen, die uns brauchen,
in Kummer , Leid und seelischer Not,
wenn wir nur still werden und lauschen.

Musik

Gott kommt in Engeln zu uns,
in Menschen, die uns berichten,
von Gottes Güte zu jeder Stund',
auf seine Liebe uns verpflichten.

Gott kommt in Engeln zu uns,
in Menschen auf ihn ausgericht',
die bemüht sind, seinen Willen zu tun,
damit SEIN Reich anbricht.

Gott kommt in Engeln zu uns,
in Menschen, die Frieden leben,
die nicht schwarzmalen, nur düster sehen,
vom Frieden nicht immer nur reden.

Musik (Herr, gib uns deinen Frieden …)

Gott kommt in Engeln zu uns,
in Menschen, die noch glauben;
Leib und Tod haben nicht das letzte Wort,
wir werden auferstehn und Gott schauen.

Gott kommt in Engeln zu uns,
in Menschen die für uns eintreten,
die in Gefahr, in Not, in Leid und Tod,
uns beistehen mit ihren Gebeten.

Gott kommt in Engeln zu uns,
in Menschen wie du und ich;
in Dir ist Gott unterwegs zu mir,
bringt Vertrauen, Hoffnung und Licht.

Segen (Josef) Entlassung (Josef)






Dank und Einladung für weiteres Verweilen mit kleinem Imbiss (Werner)

Musik/Lied, GL470, 1-3 Musik
Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht.


Kleiner Imbiss in der Landvolkshochschule

    

Texte: Josef Mayer u. Werner Götz
Bilder: Hans Schertl


Martinslegende
"Claudius Avitianus" erzählt

"Wie kannst Du schlafen, wenn der Diener Gottes vor Deiner Schwelle liegt?"

Er lag auf dem Boden, auf einer Wiese wohl. Der Wind bewegte die Grashalme - es war still. Er versuchte sich zu erinnern: Er war unterwegs gewesen über einen hohen Pass in den Alpen, er war bewaffnet und begleitet von einem kleinen Wachtrupp. Da waren sie in einen Hinterhalt geraten. Ein Pfeil hatte ihn getroffen. Und er war ohnmächtig geworden. Jetzt waren wohl alle weg und er lag alleine - und spürte sein Bein nicht. Er ahnte, dass er nicht mehr lange leben würde. Da kam ihm der Satz wieder ins Bewußtsein aus einer lang vergangenen Zeit: "Wie kannst Du schlafen, wenn der Diener Gottes vor deiner Schwelle liegt?" Es war die Stimme des Bischofs Martin.
Er, Claudius Avitianus, lag damals im Bett in seiner Burg in der Nähe der Bischofsstadt Tours. Der Kaiser hatte ihn als Richter dorthin geschickt, damit dort, im entfernten Gallien, die Herrschaft Roms durchgesetzt wurde und Recht und Ordnung herrschte. Naja - das mit dem Recht war ihm, Avitianus, nicht ganz so wichtig gewesen. Aber um die Herrschaft Roms und seine Macht zu zeigen, ließ er zu jener Zeit Männer aus den Dörfern festnehmen. Sein Wachtrupp und er nahmen die Bauern, die Tagelöhner, die Diebe gefangen, nahmen sie gefesselt mit sich und zeigten so jedem Dorf und der Stadt deutlich, wie stark sie waren und dass sie ihre Macht auch durchzusetzen verstanden. Die Gefangenen wurden in den Kerker der Burg gebracht, um sie öffentlich am nächsten Tag hinzurichten.

Was diese Männer gemacht hatten, wußte er, Avitianus, heute nicht mehr und vielleicht wußte er es damals auch nicht. Es hatte ihm Spass gemacht, Unschuldige von den Feldern und aus den Dörfern mitzunehmen und ihnen kurzen Prozess zu machen. Wenn die anderen Bewohner sehen, wie elend diese Männer zugrunde gehen, würden sie die Macht Roms schon ernst nehmen… "Wie kannst Du schlafen, wenn ein Diener Gottes vor deiner Schwelle liegt?" Es war in der Nacht und Claudius Avitianus hörte im Traum diesen Satz. Er ließ nach draußen schicken, damit sie den Heiligen vor seinem Burgtor hereinholten. Doch die Diener kamen zurück und berichteten, dass da vor dem dunklen Tor niemand sei. Da ging er selbst und er sah in der dunklen Ecke des Tores den Bischof. Er bat ihn herein und er sprach mit dem Bischof Martin. Am nächsten Tag ließ er die Gefangenen alle frei. Sein Leben hatte sich danach geändert. Er schickte zwar seine Soldaten, wenn es Ärger und Streit gab, aber er versuchte dann wenigstens, die Bauern anzuhören. Und manchmal gelang ihm auch, Unstimmigkeiten zu klären und Lösungen zu finden. - "Wie kannst Du schlafen, wenn der Diener Gottes vor Deiner Schwelle liegt?" "Nein," dachte Avitianus jetzt, "ich schlafe nicht mehr. Ich weiß, die Begegnung mit Dir, Martin, hat mein Leben verändert. Du hast aus mir einen neuen Menschen gemacht. Wenn ich jetzt sterbe, dann empfängst Du, Martin, mich an der Schwelle jenseits des Todes. Ich schlafe nicht, wenn der Diener Gottes vor meiner Schwelle liegt."

Monika Mehringer 2017