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Katholische Landvolkbewegung im Landkreis Dachau
Ökologie ist keine Weltanschauung
"Staatssekretär Glück referiert auf dem Petersberg über Umweltschutz / "Engagierte Gelassenheit"
Bericht der Süddeutschen Zeitung vom 30.3.1988

Petersberg-Zu wenige Christen engagieren sich in verantwortlichen Positionen in der Politik. Diese Ansicht vertrat Staatssekretär Alois Glück, der im vollbesetzten Tagungssaal des Petersbergs ein Referat mit dem Thema "Umweltschutz - Fortschritt für das Leben" hielt.

Glück stellte den Umweltschutz als vorrangige Investition der Industriegesellschaft für die Zukunft dar. Zugleich warnte er davor, die Ökologie zu einer "Ersatzreligion" werden zu lassen.

In der Diskussion nach dem Vortrag kamen auch die aktuellen Landkreisprobleme : - Deponie Wiedenzhausen und geplante Alu-WAA-zur Sprache.

Als Vertreter des Veranstalters, der Katholischen Landvolkbewegung, begrüßte Johann Zigldrum unter den 130 Zuhörern auch zahlreiche Kommunalpolitiker, wies aber darauf hin, daß Umweltschutz "keine Frage einzelner Gruppen" sein könne. "Für uns Christen", so Zigldrum weiter, "hat Umwelt eine weitere Dimension: sie ist Schöpfung."

Alois Glück beim Vortrag auf dem Petersberg
STAATSSEKRETÄR ALOIS GLÜCK ortete im Hinblick auf Umweltschutz mehr ,Bedenkenträger als Träger von Verantwortung".
hh/Photo:Jörgensen

Staatssekretär Alois Glück diagnostizierte eine Diskrepanz von Umweltbewußtsein und Umweltverhalten. Jeder müsse zuerst seinen Lebensstil darauf abklopfen, ob er das für den Umweltschutz Machbare unternommen habe. "Ich erkenne keinen Vorwand für Tempo 100 an, solange nicht jeder sein Auto überprüft hat", sagte der Referent in Anspielung auf die mangelnde Bereitschaft der meisten Autofahrer, ihren Wagen mit einem Katalysator nachzurüsten.

Nach dem Zusammenbruch des Fortschrittglaubens - einem Prozeß, der sich innerhalb weniger Jahre vollzogen habe - sei die Ökologie nun auf dem besten Weg, eine Ersatzreligion zu werden. Ökologie allein sei ungeeignet, Werte zu vermitteln, meinte Glück. "Sie vermittelt Wissen, aber kein Gewissen oder eine Weltanschauung." Zudem habe ökologisches Denken momentan Konjunktur, sei Mode. Dabei würden so zentrale Themen wie der Schutz des ungeborenen Lebens vernachlässigt: "Es wird Zeit, daß wir über erkrankte Bäume und den Tod von Robbenbabys weniger reden als über die Verfügbarkeit menschlichen Lebens." Die Christen seien aufgerufen, an einer neuen Umweltethik mitzuwirken. Mit "einer großen Kraftanstrengung" müsse es möglich sein, ein "Umweltwunder" zu schaffen.

Hier sei auch die Landwirtschaft gefordert, die, so Glück, in einer "Schicksalsgemeinschaft" mit der Landschaft verbunden sei. Die Landwirtschaft "als Bündnispartner beim Umweltschutz" trage wesentlich zur Erhaltung der Kulturlandschaft bei. Technik gegen Technik Die Frage, ob Wohlstandsgesellschaft und Umweltschutz vereinbar sind, entschied der Referent positiv. Man könne Technik mit Technik bekämpfen, also mit immer differenzierteren Technologien - zum Beispiel Kläranlagen, Filtern, Katalysatoren - gegen umweltverschmutzende Anlagen vorgehen. Daß sich auf diesem Sektor Erfolge erzielen ließen, hätten die letzten fünfzehn Jahre bewiesen, in denen viel geschehen sei.

Es sei falsch, die Umweltdiskussion - ohnehin "ein Sammelbecken des Pessimismus" - falschen Propheten zu überlassen. Die Christen seien aufgerufen, mehr Verantwortung zu übernehmen, sagte Glück und riet den Zuhörern für die Umweltdiskussion mit einem Wort Teilhard de Chardins "engagierte Gelassenheit". Hubert Huber streitbar Die Diskussion konzentrierte sich erwartungsgemäß bald auf die umweltpolitisch "heißen Eisen" - auf die Wiedenzhausener Deponie und auf die geplante Alu-WAA der Firma SASAG in Geiselbullach. Glück gab zu bedenken, daß die Standortfrage in keinem Ort Deutschlands auf große Akzeptanz der Bevölkerung stoßen würde, schloß aber eine neue Prüfung des Raumordnungsverfahrens - "meine persönliche Prognose" -nicht aus.

Bergkirchens Bürgermeister Hubert Huber artikulierte den Zorn der Bürger, der gegen die Wiederaufarbeitungs-anlage in Geiselbullach herrscht, in einer Aufforderung an den Staatssekretär, etwas zu unternehmen. Die Bürger des Landkreises seien nicht länger gewillt, sich alles gefallen zu lassen: "Wir werden etwas tun und wenn's bis zur Sabotage geht!" Huber schränkte allerdings ein: "Sprengen wollen wir sie nicht"

Hannes Hintermeier