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Jüdischer Alltag für Christen erklärt
Eine Begegnung im Gemeindezentrum Röhrmoos

Donnerstag, 9. November 1995 Röhrmoos - In der Mitte der Runde stand ein Herbstgesteck. Daneben eine Menora mit sieben weißen Kerzen. Das Symbol jüdischen Glaubens hatten Rosa und Isak Wasserstein am Dienstagabend in das Gemeindezentrum Röhrmoos mitgebracht. Vor etwa dreißig interessierten Christen referierte das Münchner Ehepaar über jüdische Bräuche und religiöse Riten.

"Gott hat Abraham befohlen, den eigenen Sohn zu töten", erzählte Isak Wasserstein. Als der biblische Stammvater seinen Sohn bereits zum Opferaltar schicken wollte, habe er beobachtet, wie ein Widder in einem Strauch hängengeblieben sei. Daraufhin sei Abraham ein Engel erschienen: die Forderung nach dem Opfer sei eine Prüfung der Glaubensfestigkeit gewesen, der gefangene Widder das Geschenk für die bestandene Prüfung

Geschichten, Anekdoten

Mit solchen Geschichten und Anekdoten illustrierte Wasserstein seine eindrucksvollen Schilderungen des jüdischen Alltags. Vor allem das Sabbath-Fest stand im Mittelpunkt seines Vertrags. "Anläßlich dieses Festes leistet man sich das, was man sich in der Woche nicht leisten kann", erklärte Wasserstein. Auch die Aufgabenteilung zwischen Mann und Frau in der Organisation des Sabbath sei genau geregelt: "Der Mann geht in die Synagoge, die Frau richtet das Haus."

Der Frau blieben von den "drei K's" - Kirche, Küche, Kinder nur die zwei letzten, kommentierte Wassersteins Ehefrau schmunzelnd. Rosa Wasserstein war es auch, die dem anschließenden Gespräch über Gemeinsamkeiten zwischen christlicher und jüdischer Religion einen politischen Aspekt abverlangte: sie verwies auf die jahrhundertelange Verfolgung der Juden durch Christen. "Wo war die katholische Kirche im dritten Reich?", fragte Rosa Wasserstein, die, obgleich aus einem weniger religiösen Elternhaus stammend, ihre Kinder bewußt nach jüdischen Glaubensregeln erzogen hat: "Sie sollten erleben, wo ihre Wurzeln sind", erklärte Frau Wasserstein.

Revidierte Ansicht

Isak Wasserstein sprach auch über seine Empfindungen gegenüber Deutschen nach der Zeit des Holocaust. Seine Befreiung hatte er 1945 in einem KZ-Außenlager in Garmisch erlebt; während seiner Leidenszeit im Nationalsozialismus sei er von vielen Deutschen beschimpft und verachtet worden. Erst im Nachhinein habe er erfahren, daß sich auch Deutsche für verfolgte Juden eingesetzt hatten. Dieses Wissen habe ihn seine Ansicht über Kollektivschuld revidieren lassen.Auf die jüngsten Ereignisse in Israel kam Rosa Wasserstein zu sprechen. Eine falschverstandene, inhumane Religiosität, so meinte sie, sei Beweggrund für die Ermordung des israelischen Ministerpräsidenten gewesen: "Yitzhak Rabin war nicht religiös genug", habe der Attentäter als Argument für seine Tat angeführt - für die Wassersteins ist es ein "schrecklicher Mord".

Dem Ehepaar Wasserstein gelang es an diesem Abend, mit großer religionsgeschichtlicher Kenntnis ein lebhaftes Bild der jüdischen Glaubenswelt zu zeichnen. Isak Wasserstein - der häufig Vorträge zum Thema Holocaust hält - erwies sich dabei auch als beeindruckender Erzähler.

Das Honorar - zusammengetragen aus Spenden der Zuhörer im Röhrmooser Gemeindezentrum -möchte Rosa Wasserstein für den Erhalt eines Münchener Altenheims für jüdische Frauen verwenden, das sie selbst mitorganisiert.

HILMAR KLUTE


 

Isak Wasserstein berichtet Schülern von den Schrecken des Holocaust
Richten soll der Himmel
Er überlebte als einziger seiner Familie - und die Erinnerung kostet ihn viel Kraft
Von Miryam Gümbel

27. Januar - an diesem Tag kamen die Alliierten 1945 zum Konzentrationslager Auschwitz, jenem Ort, der zum Symbol geworden ist für die Mordtaten der Nationalsozialisten. Bundespräsident Roman Herzog hat diesen Tag deshalb zum Gedenktag für die Opfer des Holocaust erklärt.

In vielen Schulen wurde gestern jener Menschen gedacht, die hier und an anderen Stätten des Terrors ums Leben kamen, der größte Teil von ihnen Juden. Einige von ihnen haben die Jahre der Verfolgung überlebt. Und ganz wenige von diesen haben die Kraft gefunden, als Zeitzeugen das Unglaubliche und nur schwer Verstellbare zu schildern, das zwischen 1933,1939 und 1945 geschehen ist. Sie stellen sich ihren Zuhörern direkt, sie sprechen nicht nur an Gedenktagen, sie kommen auch sonst in die Schulen: Isak Wasserstein zum Beispiel. Über dem Saal des Gymnasiums liegt eine angespannte Atmosphäre.

Isaak Wasserstein

Isak Wasserstein betritt das Podium. Ein großer, schlanker und respekteinflößender Herr. Kerzengerade steht er mit seinen 75 Jahren vor den Jugendlichen. "Ich komme nicht als Ankläger," leitet er seinen Vortrag ein, "und schon gar nicht als Richter. Richten soll der Himmel." Der gebürtige Warschauer ist der einzige aus seiner fünfköpfigen Familie, der den Holocaust überlebt hat. Er erlernte den elterlichen Beruf des Kaufmanns und übte ihn aus, bis sich im September 1942 die Tore des Warschauer Ghettos hinter ihm schlössen. An einem. Freitag nachmittag im Mai 1942 war er mit vielen anderen festgenommen worden. Stundenlang standen sie am sogenannten Umschlagplatz, ohne Essen und Trinken, ohne Austreten zu dürfen. Dann wurden die 1000 jungen Menschen aus Warschau in Waggons gepfercht, für fünf Tage mit einem Laib Brot und einer Dose Margarine pro Kopf versorgt. Das erste Ziel ist Bobrisk, ein Lager mitten im Wald. Einer Eingebung folgend, meldet Wasserstein sich als Koch. Immerhin hat er im Ghetto seine kranke Mutter, so gut es ging, versorgt. Von den 1000 jungen Männern aus dem Ghetto leben bald nur mehr die Hälfte. Das Lager wird wieder "aufgefüllt". Als es schließlich weitergeht nach Minsk, leben nur noch 41 von den 1500 Deportierten.

Warum lebt Wasserstein noch, warum gerade er? Diese Frage stellt er sich ebenso, wie die Schüler sie ihm stellen. Sie fragen ihn auch, wie er es schaffte, diese Zeit zu überleben. Ein Rezept dafür hat er auch heute noch nicht. Wasserstein: "Das war eine himmlische Fügung. Auch daß ich dann später in Auschwitz nach rechts abkommandiert wurde. Rechts hieß leben." Eine Fügung in Richtung 'Überleben war auch, daß er in Auschwitz im September 1944 nur 24 Stunden verbrachte. Weiter ging es ins KZ Vaihingen bei Stuttgart.

Wasserstein erzählt in sachlichem Ton. Die Emotionen werden nur manchmal spürbar, ein Räuspern, ein Schlucken. Wie reagieren 'die jungendlichen Zuhörer? Sie sind aufgewühlt, manche der Jungen schauen entsetzt und betroffen, andere sitzen nervös auf ihren Stühlen, wissen nicht so recht, wohin mit den Händen. Ein Mädchen hat Tränen in den Augen. Wasserstein ist kein großer Redner. Vielleicht ist es gerade die fehlende rhetorische Dramatik seines Vertrags, die diesen noch eindringlicher macht. Der Zeitzeuge steht nach dem Vortrag noch für Fragen zur Verfügung. Sie kommen gehemmt, teils sind es sachliche Nachfragen, teils persönliche. Immer wieder auch diejenige, wie er sich heute in Deutschland fühlt. Rache ist nicht seine Sache. Aber die Kinder und Enkel der Generation der Täter sollen wissen, wie die Opfer gelitten haben, was ihnen angetan worden ist. Das verstehen die Jugendlichen, und sie akzeptieren es. Auf die Frage an einzelne nach der Veranstaltung, wie sie den Vortrag empfunden haben, kommen die Antworten zögerlich. Die Konfrontation ohne jede Anklage, ohne Bitternis gegen die Schüler hat betroffen gemacht. Aber immer wieder kommt im Grundtenor durch: "Es ist gut, daß ein Betroffener das eigene Erleben schildert."

Deutlicher - vielleicht, weil dabei nicht in Worte gefaßt werden muß - ist eine Szene auf dem Weg zum Essen mit dem Schulleiter. Eine Schülerin läuft Wasserstein nach, fällt ihm auf offener Straße um den Hals. Seine Frau meint, das sei kein Einzelfall, es passiere gelegentlich nach den Vorträgen. Rosa Wasserstein begleitet ihren Mann regelmäßig in die Schulen. Sie will in seiner Nähe sein in diesen schweren Stunden, die ihn jedesmal erneut eine Menge Kraft kosten. Sie kommt nicht mit in den Vortragsraum; das immer wieder neue Mit-Leiden mit der Vergangenheit kann die deutsche Jüdin aus Magdeburg, die den Holocaust in Theresienstadt durchlitt, nicht ertragen. Das Beisammensein im Anschluß an die Erinnerung gibt beiden wieder neue Kraft.

In Garmisch haben sie sich nach dem Krieg eine neue Existenz aufgebaut, mit einem kleinen Lebensmittelgroßhandel. Hier waren sie akzeptiert. Jeder wußte, daß sie Juden waren. Das Geschäft war am Sabbat geschlossen, zu einer Zeit, in der selbst Banken am Samstag noch geöffnet hatten. Nach München zog die Familie schließlich, um in dem traditionellen religiösen Umfeld leben zu können, das Isak Wasserstein schon in seiner Kindheit geprägt hat und das ihm wichtig ist. Vor rund zehn Jahren hat er sich dann entschlossen, als Zeitzeuge sein Erleben weiterzugeben - an Münchner Schulen, aber auch in anderen Orten in Bayern.

Warum er das tut? Verdienen will er daran nicht, nur Fahrtspesen bekommt er. Er bittet, Honorare dem "Frauenverein Ruth" zu spenden. Dieser Verein kümmert sich um kranke und alte Menschen, darunter viele, die unter den Folgen des Holocaust nicht nur physisch leiden, sondern jetzt im Alter besonders einsam und alleine sind. Wasserstein: "Ich tue es einzig- und allein im Gedenken an die Toten. Damit sie einen Fürsprecher haben, der ihr Schicksal bewußt macht."